Die Epidemie der seelenlosen Bücher
Wir leben in interessanten Zeiten, voller seltsamer Phänomene in denen sich Widerspruch an Widerspruch reiht. In denen Fakten so lange mit alternativen Fakten ummantelt werden, bis man schon gar nicht mehr weiß, welche Wahrheit sich dahinter verbirgt. Nur um bei näherer Betrachtung festzustellen, dass es die eine Wahrheit nicht gibt, dass alles, was gut und richtig ist, auf den Blickwinkel und das Ziel des jeweiligen Betrachtenden beruht.
Die Welt ist momentan ein einziges Gewusel und mitten in diesem Tohuwabohu drohen wir eines unserer wichtigsten Kulturwerte zu verlieren: Das Buch. Und mit ihm all das Wissen und die Geschichten, die es bis heute geschafft haben, in geschriebener Form bewahrt zu werden. Nein, Bücher werden nicht verbrannt gerade. Sie gehen ganz still und heimlich verloren. Sie gehen unter, im Meer der seelenlosen Bücher, geschrieben rein für den Kommerz und durch künstliche Intelligenz. Die erst den Markt überschwemmen, dann Lesende langweilen, Schreibende vergessen lassen wie das geht, mühevoll ein Buch zu erstellen, und schlussendlich das Buch als Raumhalter für echte Geschichten und empirisches Wissen in der Bedeutungslosigkeit untergehen lassen.
Künstlich hergestellte, vom Ego aufgeplusterte und von schnellem Geld getriebene Bücher mögen technisch wie Bücher wirken – haben aber keine besonders konstruktive Wirkung auf uns Lesende und auf uns als menschliche Gesellschaft. Nur leider überschwemmen sie gerade den Markt. Sie sind schnell und einfach herzustellen, befriedigen den Drang nach Höher, Schneller und Weiter. Bei meinen Buchrecherchen stoße ich immer öfter auf neue Sachbuchautorinnen und Autoren, die sich erst nach längerer Recherche als künstliche Intelligenz entpuppen. Oder Verlagen, die mir mit Hilfe von Ghostwritern und KI mein eigenes Experten-Fachbuch innerhalb weniger Wochen zusichern. Solche Bücher mögen schnell gemacht sein, nur leider erzeugen sie keine Zufriedenheit beim Lesen. Sie mögen technische wirken wie Bücher, doch nähren sie die Seele nicht. Sie berühren den Verstand, das Ego, aber nicht das Herz.
Ein gutes Buch wird geschrieben mit Herz und Seele und Inspiration. Das kann ganz schnell entstehen oder Jahrzehnte brauchen – aber es ist aus Liebe zur Geschichte, zur Sache, zum Wissen geschrieben. Echte Wissens- und Erzählkunst hebt die Seele, wenn wir sie lesen. Max von Osborn beschreibt es in seinem Vorwort zu „Die Kunst im Leben des Kindes“* ganz trefflich:
„Die Welt ist nicht allein das Produkt von Kräften und Gesetzen: Wir empfinden sie in unseren schönsten und reinsten Stunden, in dem sich unser Menschenthum zum höchsten Bewusstsein steigert, nicht als etwas, das verstandesmäßig zu fassen wäre, sondern als die Schöpfung einer geheimnisvoll waltenden Urkraft, als ein unbegreifliches, bewundernswertes Kunstwerk der Natur. In den Werken der Kunst aber glauben wir einen Abglanz der schöpferischen Kraft der Natur zu erkennen, und wir genießen im Anschauen dieser Werke das beglückende, emporhebende Gefühl eines Zusammenhangs zwischen uns und dem Kosmos, in dem wir atmen.“
Genau dieses Gefühl ist es, das ein echtes Buch transportiert. Es erhebt unser Bewusstsein, nährt unsere Seele und schenkt uns das Gefühl, mit der Schöpferkraft verbunden zu sein, durch die es entstanden ist. Ist ein Buch hingegen aus dem Ego entstanden, um den Autoren oder die Autorin emporzuheben, fühlen wir dieses Gefühl nicht. Auch nicht, wenn ein Buch ausschließlich aus kommerziellem Interesse entstanden ist und nur die fünfhundertste Wiederholung eines Erzählplots ist, der gerade in Mode kommt. Und schon gar nicht, wenn es aus allen möglichen Gründen durch künstliche Intelligenz entstanden ist.
Bücher sind eine der letzten Formen, Wissen und Geschichten von Mensch zu Mensch weiterzugeben. Nachdem die mündliche Erzählkunst fast ausgestorben ist, ist es nun das Wissen aus Büchern, das verschwindet. Es wird gerade ausgelagert an eine künstliche Intelligenz, die nicht fühlt, die nicht lebt, die aus rein egogetriebenen Gründen entwickelt wurde von Menschen, die davon träumen, endlich nicht mehr auf der Erde leben zu müssen, weil sie bald den Mars kolonieren können. Möchten wir all unser Wissen, all unsere Geschichten wirklich auslagern Menschen und Unternehmen, die mit dem Wort Seele und der lebendigen Natur nicht besonders viel anfangen können? Möchten wir überdies auch die Fähigkeit verlieren, selbstständig tief nachdenken zu können, Inspiration empfangen zu können, zu schreiben, uns in Worte und Sätze zu verlieben und so großartige Bücher entstehen zu lassen?
Unser Wissen, unsere Erkenntnis, unsere seelenvolle Kunst sind große Errungenschaften der Menschheit. Wir sollten sie sehr bewusst und sehr engagiert in unserer Hoheit behalten, sie hüten und fördern. Indigene Völker wie die Kogi hüten ihre Mythen und ihr Wissen als ihren wertvollsten Besitz. Sie haben wenig Materielles, ihr Augenmerk gilt vielmehr dem Wissen, das ihr Überleben und ihr Miteinander sichert, ihrer Verbindung mit der Natur und den Mythen und Geschichten, die sie daran erinnern, wer sie sind und wie sie als Gesellschaft in den Kosmos eingebunden sind. Die Qualität ihres Lebens hängt davon ab, dass sie dieses Wissen lebendig erhalten. Wir sollten von ihnen lernen und auch unsere Bücher mit Wissen, Mythen und Geschichten erhalten, hüten und lebendig halten.
Im großen Gewusel unserer Zeit erscheint das eine lapidare, exotische Aufgabe zu sein. Es ist jedoch eine entscheidende, wenn wir uns als Menschen, als Gesellschaft stärken wollen. Lasst sie uns bewahren, die Bücher, die das Tor öffnen, uns an die guten Seiten unseres Menschseins erinnern. Die unsere Seele, unsere Schöpferkraft nähren. Inmitten der Epidemie der seelenlosen Bücher brauchen wir echte Bücher und Menschen, die sie lesen, die sie schreiben, die sie sammeln und die sie teilen. Heute stärker denn je.
Bildquelle: Das Bild heißt "Thus did Psyche lose her fear, and enter the golden doors", das Helen Stratton 1915 gemalt hat und ich habe es auf artvee.com gefunden.